Sonntag, 15. Februar 2026

VON BILDERFLUTEN UND KABELJAUS

"A photographer is like a cod, which produces a million eggs in order that one may reach maturity."

George Bernard Shaw


Nikon: Ein Mann sitzt auf der Treppe zur Grande Arche in Paris. 

Schaue ich meine eigenen, mit der Digitalkamera fabrizierten Bilder durch, so tauchen, um ehrlich zu sein, manchmal massive Kabeljau-Gefühle auf. So viele Bilder und so wenige, die auch nach Jahren dem inzwischen kritischeren Blick standhalten!

Da spreche ich noch gar nicht vom BilderTsunami, der "das Netz" überrollt. Was hätte Shaw erst dazu gesagt? Von mir kommt diesbezüglich nur höfliches Schweigen.

Leica: Schatten eines gebogenen Schmiedeeisengitter auf einem Travertin-Boden.

Was aber macht eigentlich das digitale Photographieren mit meinen Bildern? Verlieren sie an Substanz? Werden sie beliebig(er)?

Um den Fragen nach der Relation zwischen Menge und Qualität nachzugehen, habe ich die Photos von drei Parisaufenthalten gegenübergestellt.

  • Bilder, die von 10. bis 14. November 2014 mit einer (digitalen) Nikon D700 mit einem Nikkor 18-200/3.5-5.6 mm aufgenommen habe.

  • Bilder, die im Herbst 2002 mit einer analogen Leica M2 und fixem Objektiv (Summicron-M 1:2/50) entstanden sind.

  • Bilder, die ich in grauer Vorzeit mit 15 Jahren an zwei Juli-Tagen mit einer Kodak Starflash fabriziert habe.

Habe ich mit der digitalen Kamera in fünf Tagen 3.000 Aufnahmen gemacht, so sind es mit der analogen Leica in sieben Tagen 4 Filme, also 144 Bilder. Die Starflash kam an 2 verkürzten Tagen zum Einsatz mit der Ernte von lediglich 15 Photos.

Die Aufenthalte sind genauso wenig vergleichbar wie die Kameras, das Alter der Photographin spielt ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle, aber eine Tendenz bezüglich dem zahlenmäßigen Verhältnis von akzeptablen Bildern zum gnädigen Vergessen Anheimzustellenden ist natürlich festzustellen.

Starflash: In einer engen Gasse posiert eine Person mit Regenschirm.

Nicht vergleichbar sind auch die Farben. Ausnahmsweise hatte ich in den Analog-Kameras in beiden Jahren Colorfilme. Da sich inzwischen über die ganz alten Negative der Farbstich gegossen hat und daher die Farbbrillanz mehr als mau, sprich nicht gegeben ist, habe ich alle Bilder in Schwarzweiß konvertiert.

Sujets

Mit leerer 512 MG Speicherkarte und ohne zu kalkulierende Kosten für Film und Ausarbeitung muss man nicht überlegen, ob man ein Photo macht oder nicht. Daher gibt es aus dem Jahr 2014 außer den Bildern, die unter Street Photography einzureihen sind, auch eine große Anzahl Photos von Architektur, Kunst, Pflanzen, Mode, Auslagen (in D: Schaufenster) und auch von Freund:innen und Dingen, die mich in irgendeinem anderen Kontext interessierten.

Nikon: Vor einem Steingebäude mit Fenstergittern geht eine Person zwischen drei Olivenbäumen.

2002, als ich mich öfter und länger in Paris herumgetrieben habe, konnte ich es mir leisten, ausschließlich Bilder zu einem einzigen Thema aufzunehmen: Zum Doppelgänger des Originals.

Auf der Fahrt nach Paris hatte ich einen Essay der von mir hochgeschätzten Philosophin Sarah Kofman gelesen: "Die Geschichte von Wiedergängern und Leichen" in "Melancholie der Kunst" (1985). Unter anderem dieser Satz hat mich affiziert:

"Der Doppelgänger macht das Original sich selbst unähnlich, ent-stellt es, versetzt in Bewegung und beunruhigt, was ohne ihn sich in simpler Weise hätte identifizieren, benennen, in diese oder jene bestimmte Kategorie einordnen lassen."

Leica: In einer Schuhauslage spiegelt sich die Place de la Bastille mit der Colonne de Juillet.

Ohne je den Anspruch des Künstlerischen gehabt zu haben oder gar zu haben, annektierte ich diesen Gedanken und nahm nur Wiedergänger, quasi Kopien auf. Suchte in Lacken (auch als Pfützen bekannt), auf Glasflächen, Häuserwänden und Autokarosserien nach Abbildern der Originale.

Das reduzierte nebst der zahlenmäßigen Materialeinschränkung von vorneherein die Bilderflut, war aber auch manchmal gefährlich: Als ich die auf einem glänzenden Autodach sich spiegelnden Bibliothekstürme (keine Stürme, Türme!) aufnehmen wollte, stürmte (aber jetzt ist der Sturm da) der erboste Heiligtumverteidiger mit Karacho daher und stieß mich, das Schlimmste unterstellend, von seinem Auto weg.

Als 15-jährige (ohne Jahresangabe, hehe), bei meinem ersten Parisaufenthalt anlässlich eines Sprachlernlagers mit einer Gruppe von Französinnen und Österreicherinnen, nahm ich außer den Kolleginnen die üblichen uns vorgeführten Sehenswürdigkeiten auf, aber ich näherte mich schon der Straßen-, also auch Menschen zeigenden Photographie an. Sehr schüchtern, aus sicherer Entfernung oder einfach von hinten.

Starflash: Der Eiffelturm von unten, in seine Eingeweide aufgenommen.

Mein absolutes Lieblingsbild, an dessen Aufnahme ich mich bestens erinnere, ist jenes von zwei feschen Matrosen. Meine Aufregung war riesig und ich wollte unbedingt vermeiden, dass sie mein vitales, ihnen geltende Interesse merken. Deshalb riss ich die Kamera unmittelbar nach dem Exponieren vollkommen unauffällig zur Seite mit dem unten gezeigten Resultat. Zum Glück bin ich heute weder schüchtern noch schamhaft.

Starflash: Zwei Matrosen spazieren auf einem Trottoir, mittig hinter ihnen der Eiffelturm.

"Ausbeute"

Und wie viele Bilder halten heute noch meinem Blick stand?

Nikon: Auf einer Parkbank sitzt eine Person entspannt in der Novembersonne.

Von den 3.000 digitalen Aufnahmen habe ich fast nur jene Bilder bearbeitet und teilweise publiziert, die im engsten Sinn unter Street Photography einzureihen sind. Ich habe das diesbezügliche Ausgangsmaterial nicht gezählt, nur die mir genehmen Photos. Das sind nicht ganz 300. Nicht alle weltbewegende Einzelstücke, mehrere Serien erzählen gemeinsam Geschichten. Aber es sind alles Bilder, die meinem heutigen kritischen Blick standhalten.

Leica: Ein Wohnblock, der sich zur Hälfte in einer Yves Saint Laurent-Reklame spiegelt.

Bei meinem Leica-Abenteuer hatte ich mit einem riesigen Problem zu kämpfen, das die Zahl der technisch akzeptablen Photos schmerzlich reduzierte: Mein Belichtungsmesser hatte den Geist aufgegeben und das Pariser Licht ist traumhaft, aber ungewohnt, daher waren Zeit und Blende ein nicht immer gewonnenes Glückspiel. Von den 144 Aufnahmen sind nur 26 sowohl technisch ok als auch interessant.

Starflash: Einige Leute im bateau-mouche, die vom Schiff aus zur Kathedrale Notre-Dame hinaufschauen.

Die trottelsichere Starflash wiederum ermöglichte die Konzentration auf das mir Wesentliche. Es sind alle 15 Aufnahmen - soweit es diese einfache Kamera zuließ - technisch ok und in Anbetracht meines damals zarten Alters auch durchaus akzeptabel. Möglicherweise bin ich hier etwas großzügiger, weil nostalgisch.

Und möglicherweise noch zu wenig kritisch mit meinen Bildern und mir. Was würde Ansel Adams wohl dazu sagen?

"Twelve significant photographs in one year is a good crop"

Naja. Vielleicht muss ich mein Kritikgerüst adjustieren und strenger mit meinen Bildern werden. Wenn ich einmal groß bin.

Exkurs Street Photography

Öfter schon habe ich in diesem Blog über das Photographieren von Menschen geschrieben. Sie sind es, die mir eine Stadt nahebringen, verständlich und spürbar machen.

Nikon: Ein umarmendes Paar m röhrenartigen, transparenten Aufgang am Centre Pompidou.

Dabei versuche ich, die belebte Stadt, auch die Architektur, durch die Menschen zu erfassen. Kürzlich ist mir jener Begriff aus einem meiner zahlreichen Berufe eingefallen, mit dem ich meine Art des Aufnehmens annähernd beschreiben kann: Teilnehmende Beobachtung.

"Ausschuss"

Stellt sich nun die Frage, was mit den restlichen Bildern ist, die nicht gut gealtert sind, eigentlich immer schon zum Einstampfen waren.

Nikon: Langweiliges, teils unscharfes Bild von einer Mauritius-Werbeaktion

Teilweise sind sie einfach technisch schlecht, zB unscharf oder unter-/überbelichtet. Vor allem bei den digitalen Bildern gibt es oft mehrere Varianten der gleichen Situation, das Beste wird ausgewählt. Manchmal ist jemand ins Bild gerannt, manchmal ist das Licht einfach fad. Oft handelt es sich schlicht um ein Bild ohne jeglichen Aus- und Eindruck. Wie das Beispiel oben zeigt.

Fazit

Meiner eingeschränkten Weisheit letztem Schluss stelle ich ein Wort von Henri Cartier-Bresson voraus, der im Aufsehen erregenden Bildband "Der entscheidende Augenblick" (1952) in "Die Bildreportage" geschrieben hat:

"Die Dinge, so wie sie sind, bieten einen solchen Reichtum an Material, dass der Photograph sich gegen die Versuchung wehren muss, alles aufnehmen zu wollen."

Gilt, unter uns gesagt, leider auch für Photograph:innen. Cartier-Bresson bezieht sich auf die analoge Photographie, für die digitale Photographie sollte ich es mir wohl hinter die Ohren schreiben. Oder?

Werden denn die Bilder durch die Vielzahl der Aufnahmen wirklich beliebig? Durch Reduktion der Anzahl aussagekräftiger?

Ich kann das nur für meine eigenen Bilder beantworten und stelle keinesfalls allgemein gültige Thesen auf.

Schaue ich nämlich durch mein ausuferndes digitales Archiv, so drängt sich der Gedanke auf, dass Beliebigkeit, fehlende Aussage, oder, um es drastisch auszudrücken, eine niveaulose Bilderschwemme vor allem mit anderen Kriterien zu tun hat.

Nikon: Eine Person läuft über eine Brücke, der Schatten wird durch die Steinbrüstung geknickt.

Es gibt Tage, da stimmt das Licht, es gibt spannende Momente und, das sehe ich als wichtigstes Kriterium, ich bin offen, gehe auf Menschen zu, habe Wahrnehmung und Blick geschärft. Nicht fehlen darf natürlich die Lust, geradezu Besessenheit fürs Photographieren. Knipsknips geht gar nicht, geht nie.

Wenn all das zusammenkommt, beglücken mich die Bilder – durchaus in größerer Anzahl. Fehlt das Eine oder Andere oder gar alles zusammen, dann stürzt die Qualität ins Bodenlose.

Leica: Blick in einen Friseursalon, das Original, die Photographin, mehrfach gespiegelt.

Habe ich das begrenzte Material der analogen Photographie zur Verfügung, nehme ich bewusster auf, mache bereits vor der Aufnahme eine Vorauswahl, was ich durchaus positiv sehe, was aber nicht unbedingt ein Qualitätskriterium ist. Wie gut die Bilder sind, hängt meines Erachtens primär von den vorher wiedergegebenen Kriterien ab.

Negativ empfinde ich, dass mir gleichzeitig vieles entgeht. Möglicher Weise bin ich unersättlich in meiner Bildersammelwut. Wie behauptet Susan Sontag in "Über Photographie" (1977)?

"Fotografien sammeln heißt die Welt sammeln."

Ohne eine verallgemeinernde Aussage treffen zu wollen oder gar zu können, stelle ich also fest, dass für mich das analoge und das digitale Photographieren selbstverständlich unterschiedlich ist, aber ich in Bezug auf die Qualität meiner Bilder keine wesentlichen Unterschiede sehe. Ausgenommen natürlich die technischen, wie durch die Starflashbilder vor Augen geführt.

Starflash: Ankunft einer Gruppe am Bahnhof.

Bei sowohl der digitalen, als auch der analogen Photographie bleibt mir jedoch der Gedanke an George Bernard Shaws Worte nicht erspart. 

Der eigentlich nicht ganz unzufriedene Kabeljau grüßt herzlich...

... und zeigt noch ein Bild aus grauer Vorzeit, als es von Paris weiter in die Normandie ging. Nicht zu sehen ist der Mont Saint Michel, er wäre gleich links. War mir offensichtlich nicht so wichtig wie diese mir fremde Gruppe. So fing es also an mit der Street Photography. To be continued.

Starflash: Eine Gruppe von 8 Personen steht über eine Kaimauer gelehnt und schaut in die Tiefe.

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