"A photographer is like a cod, which produces a million eggs in order that one may reach maturity."
George Bernard Shaw requoted
Institut du Monde Arabe (Jean Nouvel).
Bin zerknirscht. Meine im letzten Eintrag veröffentlichte, gewissenhaft und hoch exakt angelegte Gegenüberstellung der Anzahl und Qualität von digitalen und analogen Bildern ist obsolet. Geschwindelt, dass die Bilder brechen. Schande über mich.
Dies also ist die Richtigstellung, mit Bitte um Entschuldigung und einigen Bildern, die vielleicht Ihr Auge erfreuen und Sie, sollten Sie sich nach der Lektüre des letzten Beitrags gefoppt fühlen, hoffentlich milde stimmen. Obwohl sich diese Richtigstellungsbeitrag in epischer Breite vor Ihnen ausrollt.
Dazu stelle ich ausnahmslos Leica-Bilder, die die bereits gezeigte Sammlung quietschbunt ergänzen.
| Institut du Monde Arabe (Jean Nouvel). |
Gereift?
Jetzt bin ich beim Kabeljau, aber gebe den oben zitierten Worten von G.B. Shaw eine dramatische Wendung.
Ja, die Bilder sind gereift – zumindest in einem gewissen Sinn. Einerseits haben sie es sich in den Diarahmerl gemütlich gemacht und das eine oder andere Dia hat so ein nettes Altersbaucherl bekommen. Mit dem Effekt, dass der Anschein erweckt wird, in Paris würde dem Ansinnen von Friedensreich Hunderwasser entsprochen, die gerade Linie unbedingt zu vermeiden.
Zudem ist mit der Reife die Agfa-Krankheit noch intensiver geworden. Der Blaustich sticht in die Augen. Habe beim Ausarbeiten versucht, ihn etwas zu minimieren. Was aber die anderen Farben nicht wirklich strahlender macht.
| Rue de Rivoli. |
Die Photos habe ich für eine meiner ersten Überblendschauen, also Tondiaschauen gemacht. Da musste ich auch erst lernen, dass der Wechsel von Hoch- zu Querformat suboptimal ist. Mir wäre es auch lieber, ich könnte Ihnen die Bilder hier in ausschließlich einem Format präsentieren. Pech gehabt. Sie und ich.
| Bei der Französischen Nationalbibliothek. |
Ach, noch etwas, das Sie vor Irritationen beim Betrachten dieser Bilder schützen soll. Es geht um die Kopie, den Wiedergänger des Originals. Deshalb liegt der Fokus der Bilder meist darauf und nicht auf der oft unscharfen, eigentlichen Quelle.
Bei der Französischen Nationalbibliothek.
Woher aber die Erkenntnis bezüglich der Anzahl von Leica-Bildern? Warum
tauchen plötzlich weitere Bilder auf? Das ist – wie fast alles bei mir – eine etwas
verworrene Geschichte. Lassen Sie mich erzählen.
Historischer Exkurs: Nokia ist schuld
Bei einem Gespräch in einer Photo Community habe ich mich daran erinnert, dass es das erste Nokia Handy war, das meinen Widerstand gegen digitales Aufnehmen gebrochen hat. War ja eine überzeugte Gegnerin, schwor mir und allen, die es nicht hören wollten, dass ich mich nie auf diese meiner Meinung nach indiskutable Niederung des Knipsen begeben würde.
Wie alle anderen Bilder Leica, Ort wie bei vielen anderen nicht mehr bekannt.
Und dann kam Nokia, das auch meinen Widerstand gegen Handies in Luft auflöste, und ein Paris-Aufenthalt und alles war
vergessen. Wie das so schön heißt: Ein falscher Irrtum.
Mit diesem Wunderwerk der Technik in der Hand, bei dem sich mitten in ein Bild die Tante Anna telefonierend quetschte, rannte ich wie besessen durch die Stadt und knipste hemmungslos.
Street Photography vom Feinsten, aber oft eher kryptisch. Denn wenn man mit einem Gerät, das eine Verzögerung von Sekunden hat, rasch durch die Straßen geht und Entgegenkommende aufnimmt, die ebenfalls ein gewisses Tempo vorlegen, dann sind Bilder, auf denen das zu sehen ist, was man aufnehmen wollte, ein absoluter Glücksfall.
Meine Spielernatur heizte das Knipsfieber noch ordentlich an und langsam lernte ich, diese drei Zeitfaktoren mit einzukalkulieren. Trotzdem gab es eine große Anzahl von Bildern mit dem Motto :“Was hab ich denn DA aufnehmen wollen?“.
Das also war der lustvolle Beginn meiner digitalen Photokarriere. Bilderflut in XXL-Format, aber ohne Selfies und ohne "Schau, das ess ich gerade". Zumindest das hab ich mir verkniffen.
Nannte diese Bilder MoBilder und garnierte meine Site mit Sammlungen dieser briefmarkenkleinen Bilder.
Eintauchen in die Tiefen des Langzeitgedächtnisses
Auf der Suche nach dieser sehr speziellen Briefmarkensammlung schaue ich auf die sträflich vernachlässigte Site und lese den danebenstehenden Text. Oh, ja, da war noch was. In lang Vergessenem kramend taucht die Erinnerung an eine Tondiaschau mit Paris-Bildern zum Thema „Wiedergänger“ auf. Oder wie habe ich die ursprünglich genannt?
Langsam fängt das Langzeitgedächtnis an, Lust am Sprudeln zu entwickeln und damals aufgenommene Bilder tauchen vor meinem inneren Auge auf. Bilder, die ich alle bisher noch nicht gefunden habe.
Eintauchen in die Tiefen des Chaos’ aka Archiv
Die Suche auf den zahllosen internen und externen Festplatten brachte nur einige dieser durchaus zufriedenstellenden Photos in Putzifutzigröße.
Was also tun? Richtig. Ab ins Archiv und an anderen Stellen als bisher nach den Originalen suchen. Und tatsächlich, Ha! Fein säuberlich eingeordnet in einem der Rundmagazine stehen weitere 80 Dias. Uff.
Vielleicht sollte ich hier zum Thema Bilderfülle (klingt netter als -Flut) noch ein großes Wort von Helmut Newton reinmogeln.
"Es gibt Bilder, die misslingen. Aber ich mache Fotos nicht, um sie in die Schublade zu tun. Sie sollen gesehen werden. Ob man sie liebt oder nicht, ist mir vollkommen egal."
So ganz stimmt das für mich nicht. Erstens habe ich Schachteln und Mappen, keine Schubladen. Und natürlich möchte ich, dass meine Bilder zumindest geschätzt werden. Nicht alle, das mache ich ja nicht einmal selbst. Aber auch jene Photos, die meinem Anspruch nicht gerecht werden, versenke ich nicht im Bilderhades, ich hebe sie auf. Wer weiß, ob ich sie nicht doch einmal brauche? Außerdem sind sie mir alle ans Herz gewachsen. Irgendwie zumindest.
Beim Archiv-Stöbern apert aus einer Schachtel mit Unterlagen aus meinem professionellen Bereich auch noch ein A5-Falter der Paris-Tondiaschau 1999 heraus. Dem entnehme ich nicht nur den Titel "Les Doubles", sondern auch, dass ich die Bilder in einem längeren Zeitraum als behauptet, nämlich zwischen Juni und Oktober 1999 fabriziert habe. Bei mindestens zwei, möglicherweise auch drei Aufenthalten. Also doch keine Massen pro Aufenthalt.
So nebenbei erwähnt: Der Flyer ist eigentlich Ausschuss, da verkehrt rum kopiert, hab ihn aufgehoben – werfe ja nichts weg. Ächz.
Dieses Flyer-Fundstück enthält auch das gestern fieberhaft in den falschen Büchern gesuchte Zitat aus "Melancholie der Kunst" (1985) von Sarah Kofman. Rasch wiedergefunden, da markiert in "Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französicher Philosophen der Gegenwart", heraugegeben von Peter Engelmann bei Reclam (1990).
"Die sogenannte 'darstellende' Kunst kann nicht mehr als einfache Wiederholung eines vorher existierenden Modells gedacht werden, sondern nur als ein ursprüngliches Double, das jede Sicherheit erschüttert, die der Identität des 'Gegenstandes' sowie jene des Subjekts, indem es jedes 'Wirkliche' durch seine außergewöhnliche und faszinerende 'Präsenz' verdoppelt"
| Der Louvre, in der Pyramide gespiegelt - Entwurf des Intros der TDS. |
Wie im letzten Beitrag dargelegt, war die Abhandlung von Sarah Kofman der Impuls für die photographische Suche nach dem Double.
Auf dem Flyer ist zudem die Musik vermerkt, die ich den Bildern beigesellt habe: September Second, Lullaby und So What in der Version von Michel Petrucciani.
Monk-Exkurs: Chaos as Chaos can?
Sie stellen sich wahrscheinlich die auf der Hand liegende Frage, wie man so schlampig sein und Photos frisch, fröhlich und wahllos in einem Archiv verteilen kann.
Zwar gebe ich zu, dass ich nicht unter Ordnungssucht leide, aber hier kann ich einen triftigen Grund für mein übersichtsunfreundliches persönliches Archiv liefern (es gibt noch ein anderes, wie hier beschrieben).
Grande Arche (Johan Otto von Spreckelsen / Paul Andreu).
Habe lange gleichzeitig in verschiedenen Projekten, ja sogar Berufen gearbeitet.
Mit Tondiaschauen zum Beispiel bin ich durch den deutschen Sprachraum getingelt und sie wurden zB als thematischer Aufreißer für Veranstaltungen eingesetzt. Manche habe ich bei Bewerben eingereicht, manche zur Bespaßung an Workshopabenden vor Augen und Ohren geführt.
Einzelbilder habe ich zB für Flyer eingesetzt, andere wiederum irgendwo publiziert oder Collagen und Plakate damit fabriziert.
| Grande Arche. |
Deswegen - und das erschwert das Zählen - gibt es von den Parisbildern auch Duplikate, sowohl als Dia, als auch als Print. Eingeordnet nach dem jeweiligen, in diesem Fall schon vor langer Zeit stattgefundenen Projekt, versteckt hier und dort und anderswo.
Und last not least kommt wirklich Schlampigkeit dazu. Bei der sich meist länger hinziehenden Projektarbeit räume ich die jeweiligen Exemplare nicht sofort zurück. Müsste ja dauernd rennen, hüstelhüstel. Mach ich, sobald ich fertig bin. Da liegt aber schon das nächste Projekt am großen Tisch, der für vieles Platz bietet.
| Grande Arche. |
Wenn ich dann endlich Ordnung schaffe, ist das Wissen um die ursprüngliche Ordnung oft schon entschwunden. Da kommt dann die neue Ordnung meiner Bilderwelt und die vergess ich auch schnell wieder. Ich lebe eben im Hier und Jetzt, zumindest was das Erstellen von Ordnungskriterien betrifft. Suboptimal.
Anzahl unzählig
Wie eindrücklich bewiesen, konnte ich auch mit der analogen Kamera Bilderfluten erzeugen. In diesem Fall ist die Qualität auch deshalb unterschiedlich, weil die Bilder von vornherein nicht als Einzelbilder gedacht waren.
Die Photos wurden primär für eine Tondiaschau aufgenommen. Für eine Tondiaschau, auf der mit zwei Projektoren abwechselnd Bilder gezeigt, mit Musik unterlegt und die Zusammenstellung per Steuereinheit gepulst vorgeführt wird. Deshalb geht es nicht ums Einzelbild, sondern darum, eine Geschichte zu einem Thema zu erzählen. Mit Bildern, die nur ein paar Sekunden auf der Leinwand stehen und fließend ineinander übergehen. Da braucht’s eine gewisse Bilderflut.
Es geht nämlich mehr um BildErzählen als um BilderZählen. Ein schlechtes Beispiel also, um zu überprüfen, ob ein Bild alternd Reife erlangt, ob es wirklich Substanz hat.
Fazit 2.0
"Die ersten 10.000 Bilder sind die schlechtesten"
Jetzt bemächtige ich mich des wahlweise Henri-CartierBresson oder Helmut Newton zugeschriebenen Ausspruchs und nehme ihn als Angelpunkt für meine Ansicht bezüglich meiner Photoarbeit.
Am Rande bemerkt: Die ersten 10.000 Bilder liegen lange schon hinter mir und ich bin in der Lage, auch heute noch viel schlechtere zu produzieren.
Bibliothèque nationale de France (Dominique Perrault)
Ich schöpfe generell gerne aus der Fülle und bin überzeugt,
dass eine Vielzahl von produzierten Photos eine größere Menge wirklich an.sprechender
Exemplare mit sich bringt.
Dabei schwindet beim Aufnehmen weder die Intensität des Wahrnehmens, noch meine – so komisch das klingt – Hingabe an das bzw die Dargestellte/n, noch an das Medium Photographie.
Bibliothèque nationale de France (Dominique Perrault)
Ob sie das von Roland Barthes beschriebene Punctum haben, das, was ins Auge und in die
Emotion sticht, ist nicht nur von meiner eigenen Sicht abhängig, sondern auch von jener der Betrachter:in. Wir beide geben dem Bild Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit.
Bei der Bibliothèque nationale de France
So what! Ich werde weiter der Bildersammelleidenschaft
frönen und Bilder mit der Kamera und in mir aufnehmen.

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